Von Kohlkönigen und Straßenbosseln


Von Kohlkönigen und Straßenbosseln

Wir sind in die Grünkohlhauptstadt Oldenburg gefahren, auf der Suche nach Traditionen, Rezepten, Zutaten und Geschichten, denn Januar und Februar sind Grünkohlwochen in der Deutschlandreise.

Spricht man mit Oldenburgern, taucht ziemlich schnell der Begriff “Kohlfahrt” auf – etwas, das man ganz unbedingt machen muss. Meine Vorstellung davon war, man fährt zu einem Gasthaus und isst Grünkohl. Weit gefehlt: der einzige, der fährt, ist der Bollerwagen. Alle anderen laufen hungrig durch die norddeutsche Landschaft, wovon es hier reichlich gibt. Alles in der Hoffnung auf eine warme Mahlzeit am Ende der Tour. 

© Oldenburg Tourismus und Marketing GmbH | Verena Brandt

Aber hier ist der Weg das Ziel – der Bollerwagen transportiert nicht nur wärmende Getränke und Snacks, sondern auch diverse Spielutensilien. Sowohl die Wegstrecke, als auch die Spiele werden vom Kohlkönig bestimmt, auf keiner Tour fehlt das Boßeln. So kommt es, dass wenig befahrene Landstraßen an den Wochenenden von durchziehenden Gruppen als Austragungsstätte für Boßel Wettkämpfe genutzt werden. Überhaupt, was der Kohlkönig bestimmt, muss gemacht werden, die ganze Unternehmung ist schließlich zur allgemeinen Belustigung angesetzt. Tatsächlich sind die Kohlfahrt Monate Januar – März so etwas wie die 5. Jahreszeit des Nordens – jeder Verein, Freundeskreis und Betrieb bestimmt einen Kohlkönig und geht auf Tour. Immer ist der krönende Abschluss ein Grünkohlgelage, das mit Musik und Tanz ausklingt. 

© Oldenburg Tourismus und Marketing GmbH | Verena Brandt

Warum ausgerechnet Grünkohl?

Hier oben im rauhen Norden setzt der Frost früh ein und hält lange an, die Felder liegen brach. Nur dem Grün- und Rosenkohl macht die Kälte nichts aus – im Gegenteil, sie werden durch Frost und Auftauen erst richtig gut. Es werden Gerbstoffe abgebaut und ein Teil der Stärke in Zucker umgewandelt, eine natürliche Süße entsteht. Das trifft besonders auf die alten Grünkohlsorten zu, die rund um Oldenburg angebaut werden. Die neuen Sorten sind weniger ausdrucksstark im Geschmack und brauchen den Frost nicht mehr unbedingt. Sie werden vor allem im südlichen Niedersachsen in Masse angepflanzt und schon im September komplett abgeerntet, mit Strunk und Stiel. Das ist übrigens der Grünkohl, der bei uns als TK im Supermarkt zu finden ist. 

© Martina Kuhnert, Eytjehof

Die alten Sorten werden Blattweise von Hand gepflückt (hier: Eytjehof) und wachsen und reifen weiter, was dazu führt, das ein Feld 3-4 mal gepflückt wird. Dafür hat man aber keine harten Strünke im Kohl und er wird durch die lange Reifezeit wunderbar aromatisch.

c Martina Kuhnert, Metzgerei Meerpohl

Traditionell werden Pinkel- und Mettwürste und Kasseler dazu gegessen. Pinkel klingt schlimmer als es ist. Die Oldenburger Spezialität besteht aus Speck, Schweineschmalz, Hafergrütze, Zwiebeln und Gewürzen und wird über Buchenholz geräuchert. Wir beziehen den Pinkel von Metzgerei Meerpohl in Oldenburg, die ausschließlich regionale Schweine aus Offenstallhaltung verarbeiten (Hof Barhop)

Smoortaal

Das Bad Zwischenahner Meer (Perle des Ammerlandes), das eigentlich ein See ist, hat eine meterdicke Schlammschicht am Boden und ist so der ideale Lebensraum für Aale. Räuchern hat hier eine lange Tradition

Ammerländer Löffeltrunk

Hört sich harmlos an, hat es aber in sich! Ammerland heißt der Landkreis, in dem sowohl Oldenburg, als auch das benachbarte Bad Zwischenahn liegen. Die regionalen Spezialitäten, Aal und Grünkohl, benötigen zur Verdauung etwas Nachhilfe, am besten den Ammerländer Schnaps. Traditionell wird er aus einem Zinnlöffel getrunken, dazu gehört folgendes Ritual:

Der Löffel wird mit der ganzen linken Hand von oben umfasst (es heißt, die rechte musste man immer wehrhaft bereit halten, deswegen wurde die linke Hand genommen). Der Löffel wird nach dem Trinken mit der hohlen Seite wieder auf dem Tisch abgelegt. Nach altem Brauch muss derjenige, bei dem sich Schnapsreste auf der Tischplatte zeigen, die nächste Runde zahlen. Die Sache wird aber noch komplizierter, denn es muss ein Trinkspruch aufgesagt werden. Gastgeber und Gast sprechen im Wechsel:

Ik seh di! (Ich sehe dich)

Dat freit mi! (Das freut mich)

Ik sup di to! (Ich trinke dir zu)

Dat do! (Das tu)

Prost!

Ik heb di tosapen! (Ich habe dir zugetrunken)

Hest´n Rechten drapen! (Hast den Richtigen getroffen)

Soll nochmal jemand sagen, die Norddeutschen wären mundfaul!